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Akteure aus Sperrholz und Regisseure zum Anfassen

SZ beobachtete im Theater die Proben der international besetzten Opernwerkstatt

 

»Von Jan Balster                                        

 

13. August, 16 Uhr, Theaterplatz in Meißen. Vor dem Theatereingang wurden ein Tisch aufgebaut, an dem Pressesprecherin Julia Haebler und Mark Coles aus New York in ein herzliches Gespräch verwickelt sind. Die Türen sind weit geöffnet. Jeder der Lust verspürt, etwas über die Vorbereitungen einer Operninszenierung zu erfahren, darf hineintreten. "Wir verlangen ein symbolisches Eintrittsgeld", sagt Jens Neubert, Initiator des gemeinnützigen Vereins "Coopera", von einer Mark für Kinder und drei Mark für Erwachsene.

 

Bis zum 24. August lassen sich die Regisseure Thilo Reinhardt, Roland Schwab und Jens Neubert in ihre Karten sehen, beantworten Fragen und freuen sich auf jeden Interessenten.

 

Im Bühnensaal wird die Oper "Die Sieben Todsünden" von Kurt Weil (Musik) und Bertolt Brecht (Text) geprobt. "Vorhang", ruft der Regisseur Thilo Reinhardt. Er sitzt allein in der ersten Reihe des Saales, der 518 Zuschauerplätze fasst. Vor ihm liegt die Partitur, eine Notenschrift mit allen Stimmen der Komposition, wonach er die Künstler anleitet. Für die Zeit der Einstudierung verkörpert er das Publikum, das später den Eindruck gewinnen soll, die Oper lebe in ihnen.

 

Der rote Vorhang fährt zur Seite, und Licht erhellt den Saal. Auf der Bühne erstreckt sich von links nach rechts ein sechs Meter langer, auf kleinen Rollen gelagerter Tisch, auf dem fünf leere Bierflaschen in gleichen Abständen zueinander stehen. Der Pianist Stefan Bliz schlägt den ersten Ton an. "Hör mal auf", ruft ihm Generalmusikdirektor Peter Fanger aus dem Orchestergraben zu, "es passiert doch gar nichts da oben." Die Bühne ist leer.

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Jede Stimme besitzt gleiches Gewicht

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Reportage in der "Sächsischen Zeitung" Meißen und Radebeul

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenige Sekunden später beleben die Tenöre Kim Schrader, Stephan Nordhoff und der Bass Axel Scheidig, die alle bei einem Vorsingen in Wien ausgewählt wurden, die Bühne. Auf den dritten Takt folgen die Einsätze. "Halt, halt", stoppt Peter Fanger die Akteure, "der Bass stimmt nicht. Noch mal und nicht alle gleichzeitig. Das ist ein Kanon."

 

Die drei schmunzeln und starten nochmals den Gesang. "Es muss mehr Bewegung hinein", unterbricht Regisseur Thilo Reinhardt erneut, "ihr müsst euch angehen, als wolltet ihr Anna zerreißen, wenn ihr sie jetzt in die Finger bekommen könntet." Da betritt Jens Neubert, Bariton, die Bühne:

Bildunterschrift:

»Im Theater Meißen: Szenenprobe aus der Oper "Die sieben Todsünden" von Kurt Weil und Bertolt Brecht. Von links: Axel Scheidig (Bass), Kim Schrader (Tenor) und Jens Neubert (Bariton). Noch bis Ende August arbeiten junge Leute aus mehreren Ländern in Meißen an dem Ferien-Projekt. Damit ist die Spielpause am Theater ausgefüllt.«

"Warum müssen wir auf dem sitzend fluchen? Das haben wir schon zu oft" und wirft sich in inszenierter Wut zu Boden. Alle Beteiligten inspirieren sich gegenseitig. Jede Stimme besitzt gleiches Gewicht.

 

Derweil tänzelt Irmelin Gödecke, Sopranistin und Darstellerin der Anna, auf dem Tisch zwischen den Bierflaschen umher. "Und alle gemeinsam", dirigiert Peter Fanger, "Eins und zwei und drei." Die Hände des Pianisten wandern übers Klavier. Ein zorniger Gesang durchfährt den Saal. Die Töne beben. Sie erzeugen die Kraft, die den Zuhörer in ihren Bann zieht. Die Akustik ist phantastisch. Ich spüre die Freude der Akteure, die ihren Urlaub nutzen, um Erfahrungen auszutauschen, sich auszuleben und ihre Grenzen zu entdecken.

 

Zur gleichen Zeit sitzt Bühnenbildner Paul Zöller aus Wien im Aufenthaltsraum hinter dem Theaterpodium und bastelt an einem kleinen Model der Bühne im Maßstab 1 : 25 "Und das mit einem Etat von null", sagt Julia Haebler, "es wird nur Material verwendet, was im Theater vorhanden ist." Damit wird improvisiert. Paul Zoller installiert die Beleuchtung am Modell und schiebt die Pappkulissen zurecht, tritt zurück, überlegt, beobachtet, tritt wieder heran, verändert, bis er zufrieden ist. Sogar die Akteure sind aus Sperrholz nachgebildet. Ab und an kommt ein Darsteller zu ihm. Sie tauschen sich aus und korrigieren. Nachts wird der Bühnenbildner Paul Zoller noch einmal mit dem Regisseur über das Bühnenbild diskutieren, jede Szene durchspielen, damit sie am nächsten Morgen mit den Sängern umgesetzt werden kann.

 

Allein der Platz am Pult des Dirigenten bleibt leer. "Wer das sein wird", sagt Julia Haebler, "steht noch nicht fest." An diesem Schalttisch laufen alle Fäden zusammen. Hier wird der Inspizient während der Vorstellung regieren, auf die Note genau die Komandos für Licht und Kulissentausch sowie sowie Musikerwechsel und Vorhangführung geben.

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Aufführung der Opern

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Doch bis dahin arbeiten die 25 bis 35jährigen Bühnenbildner, Performer, Sänger, Tänzer und Musiker 24 Stunden am Tag. Während die einen in die Umkleidekabinen auf Matratzen schlafen, proben andere auf der Bühne die nächste Szene. So werden innerhalb der vier Arbeitswochen zwei Opernwerke einstudiert. Wir dürfen gespannt sein.

 

Die Inszenierungen der Opern finden Ende August im Theater Meißen statt: "Die sieben Todsünden" von Kurt Weil und Bertalt Brecht am 29. und 31. August, jeweils 19.30 Uhr, und "Der Leuchtturm" von Peter Maxwell Davies am 24. sowie 30. August, ebenfalls 19.30 Uhr.«

 

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Diese Reportage erschien in der "Sächsischen Zeitung" in den Wochenendausgaben der Meißner und Radebeuler Zeitung am 16./17. August 1997.

 

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