Baltikum Balkan Osteuropa Riga
© Copyright 2001 - 2021 Jan Balster - Alle Rechte vorbehalten. (Bildjournalist, Reisejournalist, Autor und Globetrotter)
Anziegen
Bilder - Fotos - digitale Bildagentur - Fotografien von Jan Balster Belletristik, ebooks, Reiseliteratur, Kinderbücher, Biografien, Kochbücher, Hörbücher, CD & DVD, fremdsprachige Literatur, Sachbücher und Fachbücher, antiquarische Bücher

auf-weltreise.de backpacking Reisen & Fotografieren

Lettland - im Land der Spekulanten

Das Baltikum vom Boom in die Pleite - Die Rentner betteln wieder

Lesermeinungen

»vielen Dank für ihre Hilfsbereitschaft… für die umfangreichen Infos…« (Wolfgang Mertin - TV Journalist / Autor und Regisseur) »Große Klasse… Nah dran, mitten drin…« (Peter Pfänder - Stellv. Chefredakteur Abenteuer und Reisen) »...ein echter Weltenbummler...« (Dresdner Morgenpost) »besten Dank für die schönen Fotos. Das sieht alles sehr gut aus…«  (Marius von der Forst - Textquartier Düsseldorf GmbH) mehr Meinungen
Lettland   hat   hoch   gepokert   und   ist   tief   gefallen.   Das   Land   steht,   wie   das   Baltikum insgesamt,   kurz   vor   der   Pleite.   Reichlich   unvorbereitet   haben   die   Menschen   den   Boom genossen.    Jetzt    kommt    der    Kater.    Stark    gekürzte    Durchschnittsrenten    treiben    die Ruheständler    zum    Betteln    auf    die    Märkte.    Die    Verluste    der    Spekulanten    werden sozialisiert.   Junge   Fachkräfte   zieht   es   ins   Ausland.   So   haben   sich   die   Menschen   den Kapitalismus nicht vorgestellt. Das   der   Imperialismus   hart   zuschlägt,   hätten   sie wissen   müssen,   wenn   sie   dem   Staatsunterricht   der UdSSR   nur   ein   wenig   Aufmerksamkeit   geschenkt hätten.    Stattdessen    klemmten    sie    gelangweilt zwischen   den   Schulbänken,   schrieben   kleine   Zettel mit      Liebesbekundungen      an      ihre      Mitschüler, verabredeten     sich     für     den     Nachmittag     oder träumten   einfach   mit   offenen   Augen   vor   sich   hin. Geschickte    Schüler    bereicherten    ihre    Lehrbücher mit     eigenen     Zeichnungen,     die     Ungeschickten vervollständigten     die     vorhanden     Portraits     mit Bärten    und    Brillen.    Nur    manchmal,    wenn    eine Klassenarbeit   drohte,   brachen   alle   in   Stress   aus, lernten   die   Zitate   von   Lenin   und   Stalin   auswendig. „Die    ,Fünf’    war    leicht    zu    erreichen“,    erzählt Ekaterina,    die    flotte    Fünfzigerin    aus    Riga.    „Mit meinem   fotografischen   Gedächtnis   speicherte   ich die Buchseiten kurzzeitig ab.“ Doch   es   gab   auch   ein   paar,   gleichmäßig   verteilt   in   jeder   Klasse,   ein   bis   zwei   Schüler, welche   überzeugt   waren   von   diesem   System   und   dennoch   alles   hinterfragten.   „Die kassierten   dann   die   ,Einsen’“,   die   schlechteste   Note   im   sowjetischen   Schulsystem. Ekaterina   lacht.   Hinterfragen   sollte   man   nicht,   denn   das   imperialistische   System   galt   in der   UdSSR   als   überwunden.   Die   Grundsätze   waren   Fakt.   Da   benötigte   man   keinen Leitfaden,   wie   verhalte   ich   mich   richtig   im   Kapitalismus.   Die   Menschen   haben   es   weit gebracht.

Die Reize der großen Freiheit

Nach   der   Schule   arbeitete   Ekaterina   in   einem   Rigaer   Restaurant.   Studieren   mochte   sie nicht.   Sie   wollte   Geld   verdienen.   „Das   konnte   ich   nur,   wenn   ich   der   Arbeiterschaft zugehörig   war“,   sagt   sie.   Denn   als   studierter   Mensch   gehörte   man   der   Intelligenzija   an. „Schichtzulagen   oder   Trinkgelder   waren   tabu“,   fährt   sie   fort.   „Und   das   Grundgehalt,   na ja,   auch   nicht   so   üppig.“   Später   relativiert   sie   diese   Aussage   noch   etwas.   „Aber   leben konnte   man   davon   trotzdem   gut,   nur   Luxus   war   eben   nicht   drin,   kein   Auto   und   nur   ein schäbiger Schwarzweiß-Fernseher.“ 1989   war   es   soweit,   da   übermannte   die   Staaten   des   Baltikums   die   große   Freiheit   und auf   einmal   konnten   sich   die   Menschen   alles   kaufen.   Und   sie   langten   zu,   das   Gen   Das- Muss-Ich-Haben   wurde   durch   allerlei   Reize   durch   die   Medien   gefördert.   Dafür   hatten   sie sich   losgesagt   von   der   Gemeinschaft   unabhängiger   Sowjetrepubliken,   kurz   GUS.   Nichts wollten   sie   mehr   mit   den   Russen   und   dessen   Gemeinschaft   zu   tun   haben.   Ihre   Zukunft sahen   sie   allein   in   drei   unabhängigen   souveränen   Staaten:   Estland,   Litauen   und   eben Lettland. Und diese orientierten sich ganz westeuropäisch. Die   ersten   Jahre   waren   schwer.   „Wir   hatten   ganz   schön   zu   kämpfen“,   sagt   Ekaterina. „Von   jetzt   auf   gleich   konnten   wir   den   Lebensstandart   Westeuropas   nicht   erreichen.   Dazu kam   noch   die   massive   Entwertung   des   Lats   Ende   der   90ziger   Jahre.“   Die   Hoffnung   blieb und   die   Rettung   ließ   nicht   lange   auf   sich   warten.   Die   Schweden   interessierten   sich   für die   Staaten   des   Baltikums.   Der   Beitritt   zur   Europäischen   Gemeinschaft   (EU)   folgte 2004.   Überstürzt   hatte   man   sich   wieder   gebunden.   Sah   man   doch   das   Lebensniveau Westeuropas   als   Ideal   an.   Das   Interesse   der   Schweden   galt   als   Zeichen.   „Alles   musste plötzlich   so   schnell   gehen“,   meint   Ekaterina.   „Doch   richtig   informiert   wurden   wir   nicht. Vor-   und   Nachteile   wurden   nicht   abgewogen.   Das   Fernsehen   zeigte   uns   nur   die   Bilder von   zufriedenen   und   glücklichen   Menschen.   Die   Hoffnung   war   groß,   allen   werde   es besser   gehen.“   Um   die   Konjunktur   weiter   anzuheizen,   wurden   Kredite   von   Banken   des Baltikums   ohne   einen   Euro   Eigenkapitalbeteiligung   vergeben.   Das   Recht,   dem   Bürger Kredite   zu   verwähren,   hatte   nur   ein   Staat,   wie   sie   ihn   einst   erlebt   hatten,   so   die vorherrschende Meinung.

Schweden als Spender und Kleinkredite per SMS

Und   die   schwedischen   Banken   pumpten   zusätzlich   jeweils   nahezu   40   Milliarden   Euro   in die    drei    Ostseestaaten.    Das    zeigte    sich    besonders    in    Riga.    Villen    und    Neuwagen vermehrten   sich   wie   Unkraut.   Der   Geldsegen   brach   nicht   ab,   zumal   die   Schweden   die ehemaligen    Sowjetrepubliken    an    der    Ostseeküste    besonders    Lettlands    sofort    als heimischen   Markt   betrachteten.   Es   wurde   in   Technologien   und   Ausbildung   der   Leute investiert.   „Den   Aufschwung   konnten   wir   nun   auch   äußerlich   sehen   und   zeigen“,   meint Ekaterina.   „Da   braucht   man   nur   durch   die   herrlichen   Strassen   Rigas   mit   ihren   hübschen Jugendstilhäusern   zu   spazieren.“   Der   Reichtum   kam   an   bei   den   Menschen.   „Wir   hatten es    geschafft“,    seufzt    sie.    „Den    Politikern    haben    wir    vertraut.“    Die    Welt    lag    den Einwohnern zu Füßen. Auch    Ekaterina    nahm    die    neuen    Herausforderungen    an.    Sie    kündigte    bei    ihrem Arbeitgeber   im   Restaurant   und   nahm   einen   Job   bei   einem   der   aufstrebenden   Callcenter Rigas,   unter   schwedischer   Schirmherrschaft   an.   Das   war   2005.   „Das   Gehalt   sprach   für sich“,   meint   sie.   „750   Euro   im   Monat.   Soviel   hatte   ich   noch   nie   verdient.“   Doch   die Gehälter    stagnierten    nicht,    sie    stiegen    weiter.    Zeitweise    hatte    ihre    Firma    sogar Probleme,   neue   Arbeitskräfte   zu   finden,   gibt   sie   zu   verstehen.   Sie   waren,   bedingt   durch die   geringe   Arbeitslosigkeit   in   den   Jahren   2005   und   2006,   zu   teuer   geworden.   Endlich wurde     der     Nachholbedarf     der     Konsumenten     gestillt.     Die     Menschen     wurden risikofreudiger,   aber   auch   leichtsinniger.   Zum   ersten   Mal   durften   sie   günstige   Kredite aufnehmen.   Kleinkredite   bis   zu   2000   Euro   konnten   sogar   per   SMS   abgerufen   werden. Häuser    wurden    gekauft    oder    gebaut    und    Luxusgüter    angeschafft.    Viele    Letten verschuldeten   sich   bis   über   beide   Ohren.   „Ich   habe   auch   einen“,   gesteht   Ekaterina.   Sie kaufte   sich   ein   kleines   Haus   in   einem   der   zahlreichen   Vororte   Rigas.   Die   Rückzahlung gestaltet   sich   moderat.   Schnell   konnte   sie   den   Kredit   reduzieren.   „Sogar   für   die   Zukunft konnte ich etwas zurücklegen.“

Lösung der Finanzkrise mit dem Plan in der Schublade

Plötzlich   platzte   die   Blase.   Im   Januar   diesen   Jahres   stürmten   Tausende   Menschen   das Rigaer Parlament. Sie machten ihrer Wut auf dessen Sparkurs Luft. „Dabei      war      ich      nicht“,      sagt Ekaterina.    „Ich   finde   aber   gut,   dass diese   Ignoranz   und   Arroganz   bestraft wird.“     Die     Regierung     um     Ivars Godmanis    dankte    ab.    Denn    noch immer   war   der   kleine   EU-Staat   auf ausländische Hilfe angewiesen. Ein    viertel    Jahr    später    verweigerte gar              der              Internationale Währungsfonds           (IWF)           die notwendige      Kredithilfe,      mit      der läppischen         Begründung,         die Sparquote         im         Staatshaushalt Lettlands      sei      zu      gering.      Und tatsächlich,   sollten   noch   zwei   weitere Zahlungen   des   IWF   ausbleiben,   wäre Lettland   pleite.   Dies   ist   ein   Grund, doch die Ursachen liegen anders. Die    Boomzeit    des    Baltikums    war eigentlich     schon     mit     Beginn     der globalen    Finanzkrise    vorbei.    Jeder dritte       Immobilienkäufer       konnte bereits    2007    seine    Kredite    nicht mehr   zurückzahlen.   Im   Mai   2008   lag die   Inflationsrate   Lettlands   mit   17,9   Prozent   auf   Rekordniveau.   Gleichzeitig   sank   das Bruttoinlandsprodukt   vom   Mai   2007   mit   7,8   Prozent   auf   3,3   Prozent   im   Mai   2008   bis derzeitig    auf    0,2    Prozent.    Dies    hatte    die    damalige    liberalkonservative    Regierung Lettlands    zwar    erkannt    und    sogar    einen    Plan    zur    Bekämpfung    der    Inflation ausgearbeitet.   Nur   dieser   wanderte   ohne   weitere   Beachtung   in   der   Schublade.   Der überbewertete   Lat   wurde   zum   Problem.   Er   nutzte   den   Importeuren   und   benachteiligte aber   immer   mehr   einheimische   Firmen.   Eine   Entwertung   kam   nicht   in   Frage,   hielten Lettlands   Finanzexperten   dagegen,   sie   würde   die   Auslandsschulden   des   Landes   massiv vergrößern.   Die   Folgen   ließen   nicht   lange   auf   sich   warten,   die   Preise   für   einheimische Produkte   schnellten   in   die   Höhe.   „Wir   können   uns   kaum   noch   Obst,   Gemüse   und   Milch aus   der   Heimat   leisten“,   bestätigt   Ekaterina.   „Hart   trifft   es   da   die   Städter,   sie   haben   oft keinen   Garten   mehr.   Bei   ihnen   heißt   es   dann   einfach,   weniger   Essen.   Das   schlägt   auf das   Gemüt.“   Um   diese   Preissteigerungen   auszubremsen,   senkte   die   Regierung   die Unternehmensabgabe   für   Krankheitskosten   der   Beschäftigten.   Zusätzlich   räumte   sie Investoren,   kleineren   und   mittleren   Unternehmen   Steuerentlastungen   und   staatliche Kredite   ein.   Anders   als   in   Deutschland,   wo   es   einen   gut   entwickelten   Mittelstand   gibt, welcher,   bedingt   durch   die   private   Haftung   der   Unternehmer,   sich   etwas   für   schlechte Zeiten   zurückgelegt   hat,   ist   der   Mittelstand   des   Baltikums   vollkommen   unterentwickelt. „Viele   Kleinproduzenten   geben   auf“,   sagt   Ekaterina.   „Die   Landwirte   werden   zu   großen Selbstversorgern,     wie     bei     uns     in     der     Gegend.     Fast     alle     sind     pleite.“     Die Arbeitslosenquote   stieg   von   vormals   7,4   Prozent   (2008)   auf   beinah   25   Prozent   (2009) an.    Und    schon    werden    Stimmen    nach    einer    Verstaatlichung    von    Firmen    laut.    Ein Tabuthema seit dem Austritt aus der GUS.

Die Solidarität der EU

Das   Ergebnis   des   EU-Beitritts   und   einem   sorglosen   Umgang   mit   Geld   erleben   wir   heute. Ein    Staat    steht    vor    dem    finanziellen    Ruin.    Einem    Staat,    dem    die    Fachkräfte davongelaufen   sind   und   noch   Abhandenkommen.   „Für   wen   habe   ich   das   Haus   gekauft“, fragt   sich   Ekaterina,   „für   meine   Kinder,   doch   die   zieht   es   fort,   hin   zu   den   lukrativen Arbeitsangeboten   nach   Großbritannien,   Deutschland   und   Schweden.“   Ihr   Sohn   ist   schon ausgewandert.   Er   fand   einen   Job   als   Bauingenieur   in   Schweden.   Und   ihre   Tochter,   sie hat gerade ihren Job verloren. „Vielleicht geht sie auch. Wer weiß das schon.“ Die   Zeichen   stehen   gut.   Die   Wirtschaft   Lettlands   steht   vor   dem   finanziellen   Kollaps.   Und es   wird   alles   unternommen,   um   die   Zukunft   der   Kinder   zu   ruinieren.   Gerade   hat   die frisch      gewählte      Mitte-Rechts-Regierung      um      Valdis      Dombrovski      ein      Gesetz verabschiedet,   um   zu   verhindern,   dass   das   Haushaltsdefizit   auf   mehr   als   11   Prozent   des Bruttoinlandsprodukts   steigt.   Das   bedeutet,   es   wird   gespart,   was   aus   den   Bürgern herauszuholen   ist.   Die   Gehälter   im   öffentlichen   Dienst   sinken   um   55   Prozent,   d.   h.   ein Lehrer   der   Oberstufe   bekommt   jetzt   nicht   mehr   600   Euro,   sondern   knapp   300   Euro   im Monat.   Ebenso   wird   die   Durchschnittsrente   von   120   Euro   auf   80   Euro   herabgestuft. Zusätzlich    reduziert    sich    der    staatlich    festgelegte    Mindestlohn    um    200    Euro,    das Elterngeld   wurde   halbiert   und   die   Kinderhilfe   gestrichen.   Und   nicht   zuletzt,   nachdem man   bereits   an   Ausbildung,   Krankenversorgung   und   Kinderbetreuung   massiv   spart, bettelte   der   staatliche   Rundfunk   seine   Zuhörer   um   Spenden   an.   Den   Segen   dazu bekommt   die   Regierung   von   der   EU.   So   fordert   die   EU-Kommission   und   der   IWF,   den Haushalt   bis   zur   kleinsten   Gemeinde   hinab,   zu   sanieren.   Passiert   dies   nicht,   so   gibt   es kein   Geld.   Lösungen   werden   keine   geliefert.   Auch   eine   Art   Kommunismus,   wo   das Vermögen   einer   Gesellschaft,   die   durch   eine   Regierung   vertreten   wird,   die   Verluste   der gierigen   Spekulanten   zu   bezahlen   hat.   Da   zeigt   sich   die   Solidarität   unter   den   EU- Mitgliedsstaaten. Ekaterina   hatte   Glück.   „In   einem   Monat   bin   ich   schuldenfrei.“   Doch   wenn   sie   heute durch   die   Strassen   geht,   sieht   sie   sie   wieder,   die   bettelnden   Rentner   auf   den   Märkten, in   den   Straßenunterführungen.   Sie   erkennt   sie   wieder,   die   Intelligenzija,   welche   sich   mit Taxifahren   einen   Nebenerwerb   sichert.   Und   sie   bemerkt   es,   wenn   sie   zu   den   Behörden muss,   wenn   Bestechung   zu   schnelleren,   vor   allem   positiven   Ergebnissen   führt.   „Einen Kaffee   und   ein   Stück   Kuchen   in   einem   der   schicken   Straßencafes,   kann   ich   mir   bei   den Pariser   Preisen   schon   lange   nicht   mehr   leisten.“   Lettland   steht   vor   seiner   größten Herausforderung   seit   1991.   Viele   Menschen   haben   ihre   Hoffnung   noch   nicht   verloren. „Zur diesjährigen Europawahl war ich zum ersten Mal wählen“, gesteht Ekaterina. Eurasisches Magazin 2009
Osteuropa - Baltikum - Lettland Osteuropa - Baltikum - Lettland
Baltikum Balkan Osteuropa Riga
© Copyright 2001 - 2021 Jan Balster - Alle Rechte vorbehalten. (Bildjournalist, Reisejournalist, Autor und Globetrotter)
Anziegen
Bilder - Fotos - digitale Bildagentur - Fotografien von Jan Balster

Belletristik, ebooks, Reiseliteratur, Kinderbücher, Biografien, Kochbücher, Hörbücher, CD & DVD, fremdsprachige Literatur, Sachbücher und Fachbücher, antiquarische Bücher

auf-weltreise.de backpacking Reisen & Fotografieren

Lettland - im Land der Spekulanten

Das Baltikum vom Boom in die Pleite - Die Rentner betteln wieder

Lettland   hat   hoch   gepokert   und   ist   tief   gefallen.   Das   Land   steht,   wie   das   Baltikum insgesamt,   kurz   vor   der   Pleite.   Reichlich   unvorbereitet   haben   die   Menschen   den Boom   genossen.   Jetzt   kommt   der   Kater.   Stark   gekürzte   Durchschnittsrenten   treiben die   Ruheständler   zum   Betteln   auf   die   Märkte.   Die   Verluste   der   Spekulanten   werden sozialisiert.   Junge   Fachkräfte   zieht   es   ins   Ausland.   So   haben   sich   die   Menschen   den Kapitalismus nicht vorgestellt. Das   der   Imperialismus   hart   zuschlägt,   hätten   sie wissen   müssen,   wenn   sie   dem   Staatsunterricht der     UdSSR     nur     ein     wenig     Aufmerksamkeit geschenkt     hätten.     Stattdessen     klemmten     sie gelangweilt   zwischen   den   Schulbänken,   schrieben kleine    Zettel    mit    Liebesbekundungen    an    ihre Mitschüler,   verabredeten   sich   für   den   Nachmittag oder   träumten   einfach   mit   offenen   Augen   vor   sich hin.      Geschickte      Schüler      bereicherten      ihre Lehrbücher      mit      eigenen      Zeichnungen,      die Ungeschickten    vervollständigten    die    vorhanden Portraits   mit   Bärten   und   Brillen.   Nur   manchmal, wenn   eine   Klassenarbeit   drohte,   brachen   alle   in Stress   aus,   lernten   die   Zitate   von   Lenin   und   Stalin auswendig.   „Die   ,Fünf’   war   leicht   zu   erreichen“, erzählt   Ekaterina,   die   flotte   Fünfzigerin   aus   Riga. „Mit   meinem   fotografischen   Gedächtnis   speicherte ich die Buchseiten kurzzeitig ab.“ Doch   es   gab   auch   ein   paar,   gleichmäßig   verteilt   in   jeder   Klasse,   ein   bis   zwei   Schüler, welche   überzeugt   waren   von   diesem   System und      dennoch      alles      hinterfragten.      „Die kassierten   dann   die   ,Einsen’“,   die   schlechteste Note   im   sowjetischen   Schulsystem.   Ekaterina lacht.   Hinterfragen   sollte   man   nicht,   denn   das imperialistische   System   galt   in   der   UdSSR   als überwunden.   Die   Grundsätze   waren   Fakt.   Da benötigte   man   keinen   Leitfaden,   wie   verhalte ich     mich     richtig     im     Kapitalismus.     Die Menschen haben es weit gebracht.

Die Reize der großen Freiheit

Nach   der   Schule   arbeitete   Ekaterina   in   einem Rigaer     Restaurant.     Studieren     mochte     sie nicht.   Sie   wollte   Geld   verdienen.   „Das   konnte ich   nur,   wenn   ich   der   Arbeiterschaft   zugehörig war“,   sagt   sie.   Denn   als   studierter   Mensch gehörte       man       der       Intelligenzija       an. „Schichtzulagen   oder   Trinkgelder   waren   tabu“, fährt   sie   fort.   „Und   das   Grundgehalt,   na   ja, auch    nicht    so    üppig.“    Später    relativiert    sie diese     Aussage     noch     etwas.     „Aber     leben konnte   man   davon   trotzdem   gut,   nur   Luxus war   eben   nicht   drin,   kein   Auto   und   nur   ein schäbiger Schwarzweiß-Fernseher.“ 1989    war    es    soweit,    da    übermannte    die Staaten   des   Baltikums   die   große   Freiheit   und auf   einmal   konnten   sich   die   Menschen   alles kaufen.    Und    sie    langten    zu,    das    Gen    Das- Muss-Ich-Haben   wurde   durch   allerlei   Reize   durch   die   Medien   gefördert.   Dafür   hatten sie   sich   losgesagt   von   der   Gemeinschaft   unabhängiger   Sowjetrepubliken,   kurz   GUS. Nichts   wollten   sie   mehr   mit   den   Russen   und   dessen   Gemeinschaft   zu   tun   haben.   Ihre Zukunft   sahen   sie   allein   in   drei   unabhängigen   souveränen   Staaten:   Estland,   Litauen und eben Lettland. Und diese orientierten sich ganz westeuropäisch. Die   ersten   Jahre   waren   schwer.   „Wir   hatten   ganz   schön   zu   kämpfen“,   sagt   Ekaterina. „Von   jetzt   auf   gleich   konnten   wir   den   Lebensstandart   Westeuropas   nicht   erreichen. Dazu   kam   noch   die   massive   Entwertung   des   Lats   Ende   der   90ziger   Jahre.“   Die Hoffnung   blieb   und   die   Rettung   ließ   nicht   lange   auf   sich   warten.   Die   Schweden interessierten   sich   für   die   Staaten   des   Baltikums.   Der   Beitritt   zur   Europäischen Gemeinschaft   (EU)   folgte   2004.   Überstürzt   hatte   man   sich   wieder   gebunden.   Sah man   doch   das   Lebensniveau   Westeuropas   als   Ideal   an.   Das   Interesse   der   Schweden galt   als   Zeichen.   „Alles   musste   plötzlich   so   schnell   gehen“,   meint   Ekaterina.   „Doch richtig   informiert   wurden   wir   nicht.   Vor-   und   Nachteile   wurden   nicht   abgewogen.   Das Fernsehen   zeigte   uns   nur   die   Bilder   von   zufriedenen   und   glücklichen   Menschen.   Die Hoffnung    war    groß,    allen    werde    es    besser    gehen.“    Um    die    Konjunktur    weiter anzuheizen,     wurden     Kredite     von     Banken     des     Baltikums     ohne     einen     Euro Eigenkapitalbeteiligung   vergeben.   Das   Recht,   dem   Bürger   Kredite   zu   verwähren, hatte nur ein Staat, wie sie ihn einst erlebt hatten, so die vorherrschende Meinung.

Schweden als Spender und Kleinkredite per SMS

Und   die   schwedischen   Banken   pumpten   zusätzlich   jeweils   nahezu   40   Milliarden   Euro in   die   drei   Ostseestaaten.   Das   zeigte   sich   besonders   in   Riga.   Villen   und   Neuwagen vermehrten   sich   wie   Unkraut.   Der   Geldsegen   brach   nicht   ab,   zumal   die   Schweden   die ehemaligen   Sowjetrepubliken   an   der   Ostseeküste   besonders   Lettlands   sofort   als heimischen   Markt   betrachteten.   Es   wurde   in   Technologien   und   Ausbildung   der   Leute investiert.   „Den   Aufschwung   konnten   wir   nun   auch   äußerlich   sehen   und   zeigen“, meint   Ekaterina.   „Da   braucht   man   nur   durch   die   herrlichen   Strassen   Rigas   mit   ihren hübschen   Jugendstilhäusern   zu   spazieren.“   Der   Reichtum   kam   an   bei   den   Menschen. „Wir   hatten   es   geschafft“,   seufzt   sie.   „Den   Politikern   haben   wir   vertraut.“   Die   Welt   lag den Einwohnern zu Füßen. Auch   Ekaterina   nahm   die   neuen   Herausforderungen   an.   Sie   kündigte   bei   ihrem Arbeitgeber    im    Restaurant    und    nahm    einen    Job    bei    einem    der    aufstrebenden Callcenter    Rigas,    unter    schwedischer    Schirmherrschaft    an.    Das    war    2005.    „Das Gehalt   sprach   für   sich“,   meint   sie.   „750   Euro   im   Monat.   Soviel   hatte   ich   noch   nie verdient.“   Doch   die   Gehälter   stagnierten   nicht,   sie   stiegen   weiter.   Zeitweise   hatte ihre   Firma   sogar   Probleme,   neue   Arbeitskräfte   zu   finden,   gibt   sie   zu   verstehen.   Sie waren,   bedingt   durch   die   geringe   Arbeitslosigkeit   in   den   Jahren   2005   und   2006,   zu teuer   geworden.   Endlich   wurde   der   Nachholbedarf   der   Konsumenten   gestillt.   Die Menschen   wurden   risikofreudiger,   aber   auch   leichtsinniger.   Zum   ersten   Mal   durften sie   günstige   Kredite   aufnehmen.   Kleinkredite   bis   zu   2000   Euro   konnten   sogar   per SMS    abgerufen    werden.    Häuser    wurden    gekauft    oder    gebaut    und    Luxusgüter angeschafft.   Viele   Letten   verschuldeten   sich   bis   über   beide   Ohren.   „Ich   habe   auch einen“,   gesteht   Ekaterina.   Sie   kaufte   sich   ein   kleines   Haus   in   einem   der   zahlreichen Vororte   Rigas.   Die   Rückzahlung   gestaltet   sich   moderat.   Schnell   konnte   sie   den   Kredit reduzieren. „Sogar für die Zukunft konnte ich etwas zurücklegen.“

Lösung der Finanzkrise mit dem Plan in der Schublade

Plötzlich   platzte   die   Blase.   Im   Januar   diesen   Jahres   stürmten   Tausende   Menschen   das Rigaer Parlament. Sie machten ihrer Wut auf dessen Sparkurs Luft. „Dabei      war      ich      nicht“,      sagt Ekaterina.     „Ich    finde    aber    gut, dass   diese   Ignoranz   und   Arroganz bestraft   wird.“   Die   Regierung   um Ivars   Godmanis   dankte   ab.   Denn noch    immer    war    der    kleine    EU- Staat      auf      ausländische      Hilfe angewiesen. Ein   viertel   Jahr   später   verweigerte gar            der            Internationale Währungsfonds         (IWF)         die notwendige     Kredithilfe,     mit     der läppischen        Begründung,        die Sparquote       im       Staatshaushalt Lettlands     sei     zu     gering.     Und tatsächlich,     sollten     noch     zwei weitere      Zahlungen      des      IWF ausbleiben,    wäre    Lettland    pleite. Dies     ist     ein     Grund,     doch     die Ursachen liegen anders. Die    Boomzeit    des    Baltikums    war eigentlich    schon    mit    Beginn    der globalen   Finanzkrise   vorbei.   Jeder dritte   Immobilienkäufer   konnte   bereits   2007   seine   Kredite   nicht   mehr   zurückzahlen. Im   Mai   2008   lag   die   Inflationsrate   Lettlands   mit   17,9   Prozent   auf   Rekordniveau. Gleichzeitig   sank   das   Bruttoinlandsprodukt   vom   Mai   2007   mit   7,8   Prozent   auf   3,3 Prozent    im    Mai    2008    bis    derzeitig    auf    0,2    Prozent.    Dies    hatte    die    damalige liberalkonservative    Regierung    Lettlands    zwar    erkannt    und    sogar    einen    Plan    zur Bekämpfung    der    Inflation    ausgearbeitet.    Nur    dieser    wanderte    ohne    weitere Beachtung   in   der   Schublade.   Der   überbewertete   Lat   wurde   zum   Problem.   Er   nutzte den   Importeuren   und   benachteiligte   aber   immer   mehr   einheimische   Firmen.   Eine Entwertung   kam   nicht   in   Frage,   hielten   Lettlands   Finanzexperten   dagegen,   sie   würde die   Auslandsschulden   des   Landes   massiv   vergrößern.   Die   Folgen   ließen   nicht   lange auf   sich   warten,   die   Preise   für   einheimische   Produkte   schnellten   in   die   Höhe.   „Wir können   uns   kaum   noch   Obst,   Gemüse   und   Milch   aus   der   Heimat   leisten“,   bestätigt Ekaterina.   „Hart   trifft   es   da   die   Städter,   sie   haben   oft   keinen   Garten   mehr.   Bei   ihnen heißt    es    dann    einfach,    weniger    Essen.    Das    schlägt    auf    das    Gemüt.“    Um    diese Preissteigerungen   auszubremsen,   senkte   die   Regierung   die   Unternehmensabgabe   für Krankheitskosten   der   Beschäftigten.   Zusätzlich   räumte   sie   Investoren,   kleineren   und mittleren   Unternehmen   Steuerentlastungen   und   staatliche   Kredite   ein.   Anders   als   in Deutschland,   wo   es   einen   gut   entwickelten   Mittelstand   gibt,   welcher,   bedingt   durch die   private   Haftung   der   Unternehmer,   sich   etwas   für   schlechte   Zeiten   zurückgelegt hat,     ist     der     Mittelstand     des     Baltikums     vollkommen     unterentwickelt.     „Viele Kleinproduzenten   geben   auf“,   sagt   Ekaterina.   „Die   Landwirte   werden   zu   großen Selbstversorgern,    wie    bei    uns    in    der    Gegend.    Fast    alle    sind    pleite.“    Die Arbeitslosenquote    stieg    von    vormals    7,4    Prozent    (2008)    auf    beinah    25    Prozent (2009)   an.   Und   schon   werden   Stimmen   nach   einer   Verstaatlichung   von   Firmen   laut. Ein Tabuthema seit dem Austritt aus der GUS.

Die Solidarität der EU

Das   Ergebnis   des   EU-Beitritts   und   einem   sorglosen   Umgang   mit   Geld   erleben   wir heute.   Ein   Staat   steht   vor   dem   finanziellen   Ruin.   Einem   Staat,   dem   die   Fachkräfte davongelaufen    sind    und    noch    Abhandenkommen.    „Für    wen    habe    ich    das    Haus gekauft“,   fragt   sich   Ekaterina,   „für   meine   Kinder,   doch   die   zieht   es   fort,   hin   zu   den lukrativen   Arbeitsangeboten   nach   Großbritannien,   Deutschland   und   Schweden.“   Ihr Sohn   ist   schon   ausgewandert.   Er   fand   einen   Job   als   Bauingenieur   in   Schweden.   Und ihre   Tochter,   sie   hat   gerade   ihren   Job   verloren.   „Vielleicht   geht   sie   auch.   Wer   weiß das schon.“ Die   Zeichen   stehen   gut.   Die   Wirtschaft   Lettlands   steht   vor   dem   finanziellen   Kollaps. Und   es   wird   alles   unternommen,   um   die   Zukunft   der   Kinder   zu   ruinieren.   Gerade   hat die    frisch    gewählte    Mitte-Rechts-Regierung    um    Valdis    Dombrovski    ein    Gesetz verabschiedet,   um   zu   verhindern,   dass   das   Haushaltsdefizit   auf   mehr   als   11   Prozent des    Bruttoinlandsprodukts    steigt.    Das    bedeutet,    es    wird    gespart,    was    aus    den Bürgern    herauszuholen    ist.    Die    Gehälter    im    öffentlichen    Dienst    sinken    um    55 Prozent,   d.   h.   ein   Lehrer   der   Oberstufe   bekommt   jetzt   nicht   mehr   600   Euro,   sondern knapp   300   Euro   im   Monat.   Ebenso   wird   die   Durchschnittsrente   von   120   Euro   auf   80 Euro   herabgestuft.   Zusätzlich   reduziert   sich   der   staatlich   festgelegte   Mindestlohn   um 200   Euro,   das   Elterngeld   wurde   halbiert   und   die   Kinderhilfe   gestrichen.   Und   nicht zuletzt,      nachdem      man      bereits      an      Ausbildung,      Krankenversorgung      und Kinderbetreuung   massiv   spart,   bettelte   der   staatliche   Rundfunk   seine   Zuhörer   um Spenden   an.   Den   Segen   dazu   bekommt   die   Regierung   von   der   EU.   So   fordert   die   EU- Kommission    und    der    IWF,    den    Haushalt    bis    zur    kleinsten    Gemeinde    hinab,    zu sanieren.   Passiert   dies   nicht,   so   gibt   es   kein   Geld.   Lösungen   werden   keine   geliefert. Auch   eine   Art   Kommunismus,   wo   das   Vermögen   einer   Gesellschaft,   die   durch   eine Regierung   vertreten   wird,   die   Verluste   der   gierigen   Spekulanten   zu   bezahlen   hat.   Da zeigt sich die Solidarität unter den EU-Mitgliedsstaaten. Ekaterina   hatte   Glück.   „In   einem   Monat   bin   ich   schuldenfrei.“   Doch   wenn   sie   heute durch    die    Strassen    geht,    sieht    sie    sie    wieder,    die    bettelnden    Rentner    auf    den Märkten,   in   den   Straßenunterführungen.   Sie   erkennt   sie   wieder,   die   Intelligenzija, welche   sich   mit   Taxifahren   einen   Nebenerwerb   sichert.   Und   sie   bemerkt   es,   wenn   sie zu    den    Behörden    muss,    wenn    Bestechung    zu    schnelleren,    vor    allem    positiven Ergebnissen    führt.    „Einen    Kaffee    und    ein    Stück    Kuchen    in    einem    der    schicken Straßencafes,   kann   ich   mir   bei   den   Pariser   Preisen   schon   lange   nicht   mehr   leisten.“ Lettland   steht   vor   seiner   größten   Herausforderung   seit   1991.   Viele   Menschen   haben ihre   Hoffnung   noch   nicht   verloren.   „Zur   diesjährigen   Europawahl   war   ich   zum   ersten Mal wählen“, gesteht Ekaterina. Eurasisches Magazin 2009
Osteuropa - Baltikum - Lettland Osteuropa - Baltikum - Lettland

Lesermeinungen

»vielen Dank für ihre Hilfsbereitschaft… für die umfangreichen Infos…« (Wolfgang Mertin - TV Journalist / Autor und Regisseur) »Große Klasse… Nah dran, mitten drin…« (Peter Pfänder - Stellv. Chefredakteur Abenteuer und Reisen) »...ein echter Weltenbummler...« (Dresdner Morgenpost) »besten Dank für die schönen Fotos. Das sieht alles sehr gut aus…«  (Marius von der Forst - Textquartier Düsseldorf GmbH) mehr Meinungen
Baltikum Balkan Osteuropa Riga
© Copyright 2001 - 2021 Jan Balster - Alle Rechte vorbehalten. (Bildjournalist, Reisejournalist, Autor und Globetrotter)
Anziegen
Bilder - Fotos - digitale Bildagentur - Fotografien von Jan Balster

Belletristik, ebooks, Reiseliteratur, Kinderbücher, Biografien, Kochbücher, Hörbücher, CD & DVD, fremdsprachige Literatur, Sachbücher und Fachbücher, antiquarische Bücher

auf-weltreise.de backpacking Reisen & Fotografieren

Lettland - im Land

der Spekulanten

Das Baltikum vom Boom in die Pleite - Die

Rentner betteln wieder

Lettland   hat   hoch   gepokert   und   ist   tief   gefallen.   Das   Land steht,    wie    das    Baltikum    insgesamt,    kurz    vor    der    Pleite. Reichlich     unvorbereitet     haben     die     Menschen     den     Boom genossen.      Jetzt      kommt      der      Kater.      Stark      gekürzte Durchschnittsrenten   treiben   die   Ruheständler   zum   Betteln   auf die   Märkte.   Die   Verluste   der   Spekulanten   werden   sozialisiert. Junge    Fachkräfte    zieht    es    ins    Ausland.    So    haben    sich    die Menschen den Kapitalismus nicht vorgestellt. Das    der    Imperialismus    hart zuschlägt,    hätten    sie    wissen müssen,      wenn      sie      dem Staatsunterricht     der     UdSSR nur   ein   wenig   Aufmerksamkeit geschenkt   hätten.   Stattdessen klemmten      sie      gelangweilt zwischen     den     Schulbänken, schrieben    kleine    Zettel    mit Liebesbekundungen     an     ihre Mitschüler,    verabredeten    sich für     den     Nachmittag     oder träumten   einfach   mit   offenen Augen        vor        sich        hin. Geschickte                   Schüler bereicherten    ihre    Lehrbücher mit   eigenen   Zeichnungen,   die U   n   g   e   s   c   h   i   c   k   t   e   n     vervollständigten                 die vorhanden   Portraits   mit   Bärten   und   Brillen.   Nur   manchmal, wenn   eine   Klassenarbeit   drohte,   brachen   alle   in   Stress   aus, lernten   die   Zitate   von   Lenin   und   Stalin   auswendig.   „Die   ,Fünf’ war     leicht     zu     erreichen“,     erzählt     Ekaterina,     die     flotte Fünfzigerin   aus   Riga.   „Mit   meinem   fotografischen   Gedächtnis speicherte ich die Buchseiten kurzzeitig ab.“ Doch    es    gab    auch    ein    paar, gleichmäßig     verteilt     in     jeder Klasse,    ein    bis    zwei    Schüler, welche    überzeugt    waren    von diesem    System    und    dennoch alles         hinterfragten.         „Die kassierten    dann    die    ,Einsen’“, die      schlechteste      Note      im sowjetischen           Schulsystem. Ekaterina     lacht.     Hinterfragen sollte     man     nicht,     denn     das imperialistische    System    galt    in der   UdSSR   als   überwunden.   Die Grundsätze     waren     Fakt.     Da benötigte   man   keinen   Leitfaden, wie   verhalte   ich   mich   richtig   im Kapitalismus.      Die      Menschen haben es weit gebracht.

Die Reize der

großen Freiheit

Nach      der      Schule      arbeitete Ekaterina      in      einem      Rigaer Restaurant.    Studieren    mochte sie     nicht.     Sie     wollte     Geld verdienen.   „Das   konnte   ich   nur, wenn     ich     der     Arbeiterschaft zugehörig   war“,   sagt   sie.   Denn als    studierter    Mensch    gehörte man      der      Intelligenzija      an. „Schichtzulagen   oder   Trinkgelder waren   tabu“,   fährt   sie   fort.   „Und   das   Grundgehalt,   na   ja,   auch nicht    so    üppig.“    Später    relativiert    sie    diese    Aussage    noch etwas.   „Aber   leben   konnte   man   davon   trotzdem   gut,   nur   Luxus war    eben    nicht    drin,    kein    Auto    und    nur    ein    schäbiger Schwarzweiß-Fernseher.“ 1989   war   es   soweit,   da   übermannte   die   Staaten   des   Baltikums die   große   Freiheit   und   auf   einmal   konnten   sich   die   Menschen alles   kaufen.   Und   sie   langten   zu,   das   Gen   Das-Muss-Ich-Haben wurde   durch   allerlei   Reize   durch   die   Medien   gefördert.   Dafür hatten   sie   sich   losgesagt   von   der   Gemeinschaft   unabhängiger Sowjetrepubliken,   kurz   GUS.   Nichts   wollten   sie   mehr   mit   den Russen   und   dessen   Gemeinschaft   zu   tun   haben.   Ihre   Zukunft sahen   sie   allein   in   drei   unabhängigen   souveränen   Staaten: Estland,   Litauen   und   eben   Lettland.   Und   diese   orientierten   sich ganz westeuropäisch. Die   ersten   Jahre   waren   schwer.   „Wir   hatten   ganz   schön   zu kämpfen“,   sagt   Ekaterina.   „Von   jetzt   auf   gleich   konnten   wir den   Lebensstandart   Westeuropas   nicht   erreichen.   Dazu   kam noch    die    massive    Entwertung    des    Lats    Ende    der    90ziger Jahre.“   Die   Hoffnung   blieb   und   die   Rettung   ließ   nicht   lange   auf sich   warten.   Die   Schweden   interessierten   sich   für   die   Staaten des    Baltikums.    Der    Beitritt    zur    Europäischen    Gemeinschaft (EU)   folgte   2004.   Überstürzt   hatte   man   sich   wieder   gebunden. Sah   man   doch   das   Lebensniveau   Westeuropas   als   Ideal   an. Das   Interesse   der   Schweden   galt   als   Zeichen.   „Alles   musste plötzlich    so    schnell    gehen“,    meint    Ekaterina.    „Doch    richtig informiert   wurden   wir   nicht.   Vor-   und   Nachteile   wurden   nicht abgewogen.    Das    Fernsehen    zeigte    uns    nur    die    Bilder    von zufriedenen   und   glücklichen   Menschen.   Die   Hoffnung   war   groß, allen    werde    es    besser    gehen.“    Um    die    Konjunktur    weiter anzuheizen,   wurden   Kredite   von   Banken   des   Baltikums   ohne einen   Euro   Eigenkapitalbeteiligung   vergeben.   Das   Recht,   dem Bürger   Kredite   zu   verwähren,   hatte   nur   ein   Staat,   wie   sie   ihn einst erlebt hatten, so die vorherrschende Meinung.

Schweden als Spender und

Kleinkredite per SMS

Und    die    schwedischen    Banken    pumpten    zusätzlich    jeweils nahezu   40   Milliarden   Euro   in   die   drei   Ostseestaaten.   Das   zeigte sich   besonders   in   Riga.   Villen   und   Neuwagen   vermehrten   sich wie    Unkraut.    Der    Geldsegen    brach    nicht    ab,    zumal    die Schweden      die      ehemaligen      Sowjetrepubliken      an      der Ostseeküste   besonders   Lettlands   sofort   als   heimischen   Markt betrachteten.   Es   wurde   in   Technologien   und   Ausbildung   der Leute    investiert.    „Den    Aufschwung    konnten    wir    nun    auch äußerlich   sehen   und   zeigen“,   meint   Ekaterina.   „Da   braucht man    nur    durch    die    herrlichen    Strassen    Rigas    mit    ihren hübschen   Jugendstilhäusern   zu   spazieren.“   Der   Reichtum   kam an   bei   den   Menschen.   „Wir   hatten   es   geschafft“,   seufzt   sie. „Den    Politikern    haben    wir    vertraut.“    Die    Welt    lag    den Einwohnern zu Füßen. Auch   Ekaterina   nahm   die   neuen   Herausforderungen   an.   Sie kündigte   bei   ihrem   Arbeitgeber   im   Restaurant   und   nahm   einen Job    bei    einem    der    aufstrebenden    Callcenter    Rigas,    unter schwedischer   Schirmherrschaft   an.   Das   war   2005.   „Das   Gehalt sprach   für   sich“,   meint   sie.   „750   Euro   im   Monat.   Soviel   hatte ich   noch   nie   verdient.“   Doch   die   Gehälter   stagnierten   nicht,   sie stiegen    weiter.    Zeitweise    hatte    ihre    Firma    sogar    Probleme, neue   Arbeitskräfte   zu   finden,   gibt   sie   zu   verstehen.   Sie   waren, bedingt   durch   die   geringe   Arbeitslosigkeit   in   den   Jahren   2005 und     2006,     zu     teuer     geworden.     Endlich     wurde     der Nachholbedarf   der   Konsumenten   gestillt.   Die   Menschen   wurden risikofreudiger,    aber    auch    leichtsinniger.    Zum    ersten    Mal durften   sie   günstige   Kredite   aufnehmen.   Kleinkredite   bis   zu 2000   Euro   konnten   sogar   per   SMS   abgerufen   werden.   Häuser wurden   gekauft   oder   gebaut   und   Luxusgüter   angeschafft.   Viele Letten   verschuldeten   sich   bis   über   beide   Ohren.   „Ich   habe auch   einen“,   gesteht   Ekaterina.   Sie   kaufte   sich   ein   kleines Haus   in   einem   der   zahlreichen   Vororte   Rigas.   Die   Rückzahlung gestaltet     sich     moderat.     Schnell     konnte     sie     den     Kredit reduzieren.     „Sogar     für     die     Zukunft     konnte     ich     etwas zurücklegen.“

Lösung der Finanzkrise mit dem Plan

in der Schublade

Plötzlich   platzte   die   Blase.   Im   Januar   diesen   Jahres   stürmten Tausende   Menschen   das   Rigaer   Parlament.   Sie   machten   ihrer Wut auf dessen Sparkurs Luft. „Dabei   war   ich   nicht“,   sagt   Ekaterina.    „Ich   finde   aber   gut,   dass diese   Ignoranz   und   Arroganz   bestraft   wird.“   Die   Regierung   um Ivars   Godmanis   dankte   ab.   Denn   noch   immer   war   der   kleine EU-Staat auf ausländische Hilfe angewiesen. Ein    viertel    Jahr    später    verweigerte    gar    der    Internationale Währungsfonds    (IWF)    die    notwendige    Kredithilfe,    mit    der läppischen    Begründung,    die    Sparquote    im    Staatshaushalt Lettlands    sei    zu    gering.    Und    tatsächlich,    sollten    noch    zwei weitere   Zahlungen   des   IWF   ausbleiben,   wäre   Lettland   pleite. Dies ist ein Grund, doch die Ursachen liegen anders. Die   Boomzeit   des   Baltikums   war   eigentlich   schon   mit   Beginn der   globalen   Finanzkrise   vorbei.   Jeder   dritte   Immobilienkäufer konnte   bereits   2007   seine   Kredite   nicht   mehr   zurückzahlen.   Im Mai   2008   lag   die   Inflationsrate   Lettlands   mit   17,9   Prozent   auf Rekordniveau.   Gleichzeitig   sank   das   Bruttoinlandsprodukt   vom Mai   2007   mit   7,8   Prozent   auf   3,3   Prozent   im   Mai   2008   bis derzeitig     auf     0,2     Prozent.     Dies     hatte     die     damalige liberalkonservative    Regierung    Lettlands    zwar    erkannt    und sogar   einen   Plan   zur   Bekämpfung   der   Inflation   ausgearbeitet. Nur   dieser   wanderte   ohne   weitere   Beachtung   in   der   Schublade. Der   überbewertete   Lat   wurde   zum   Problem.   Er   nutzte   den Importeuren   und   benachteiligte   aber   immer   mehr   einheimische Firmen.   Eine   Entwertung   kam   nicht   in   Frage,   hielten   Lettlands Finanzexperten   dagegen,   sie   würde   die   Auslandsschulden   des Landes   massiv   vergrößern.   Die   Folgen   ließen   nicht   lange   auf sich   warten,   die   Preise   für   einheimische   Produkte   schnellten   in die   Höhe.   „Wir   können   uns   kaum   noch   Obst,   Gemüse   und   Milch aus   der   Heimat   leisten“,   bestätigt   Ekaterina.   „Hart   trifft   es   da die   Städter,   sie   haben   oft   keinen   Garten   mehr.   Bei   ihnen   heißt es   dann   einfach,   weniger   Essen.   Das   schlägt   auf   das   Gemüt.“ Um     diese     Preissteigerungen     auszubremsen,     senkte     die Regierung   die   Unternehmensabgabe   für   Krankheitskosten   der Beschäftigten.   Zusätzlich   räumte   sie   Investoren,   kleineren   und mittleren    Unternehmen    Steuerentlastungen    und    staatliche Kredite    ein.    Anders    als    in    Deutschland,    wo    es    einen    gut entwickelten    Mittelstand    gibt,    welcher,    bedingt    durch    die private    Haftung    der    Unternehmer,    sich    etwas    für    schlechte Zeiten    zurückgelegt    hat,    ist    der    Mittelstand    des    Baltikums vollkommen    unterentwickelt.    „Viele    Kleinproduzenten    geben auf“,    sagt    Ekaterina.    „Die    Landwirte    werden    zu    großen Selbstversorgern,   wie   bei   uns   in   der   Gegend.   Fast   alle   sind pleite.“   Die   Arbeitslosenquote   stieg   von   vormals   7,4   Prozent (2008)   auf   beinah   25   Prozent   (2009)   an.   Und   schon   werden Stimmen    nach    einer    Verstaatlichung    von    Firmen    laut.    Ein Tabuthema seit dem Austritt aus der GUS.

Die Solidarität der EU

Das   Ergebnis   des   EU-Beitritts   und   einem   sorglosen   Umgang mit    Geld    erleben    wir    heute.    Ein    Staat    steht    vor    dem finanziellen      Ruin.      Einem      Staat,      dem      die      Fachkräfte davongelaufen    sind    und    noch    Abhandenkommen.    „Für    wen habe   ich   das   Haus   gekauft“,   fragt   sich   Ekaterina,   „für   meine Kinder,    doch    die    zieht    es    fort,    hin    zu    den    lukrativen Arbeitsangeboten     nach     Großbritannien,     Deutschland     und Schweden.“   Ihr   Sohn   ist   schon   ausgewandert.   Er   fand   einen Job   als   Bauingenieur   in   Schweden.   Und   ihre   Tochter,   sie   hat gerade   ihren   Job   verloren.   „Vielleicht   geht   sie   auch.   Wer   weiß das schon.“ Die   Zeichen   stehen   gut.   Die   Wirtschaft   Lettlands   steht   vor   dem finanziellen   Kollaps.   Und   es   wird   alles   unternommen,   um   die Zukunft   der   Kinder   zu   ruinieren.   Gerade   hat   die   frisch   gewählte Mitte-Rechts-Regierung    um    Valdis    Dombrovski    ein    Gesetz verabschiedet,   um   zu   verhindern,   dass   das   Haushaltsdefizit   auf mehr    als    11    Prozent    des    Bruttoinlandsprodukts    steigt.    Das bedeutet,   es   wird   gespart,   was   aus   den   Bürgern   herauszuholen ist.   Die   Gehälter   im   öffentlichen   Dienst   sinken   um   55   Prozent, d.   h.   ein   Lehrer   der   Oberstufe   bekommt   jetzt   nicht   mehr   600 Euro,   sondern   knapp   300   Euro   im   Monat.   Ebenso   wird   die Durchschnittsrente   von   120   Euro   auf   80   Euro   herabgestuft. Zusätzlich   reduziert   sich   der   staatlich   festgelegte   Mindestlohn um   200   Euro,   das   Elterngeld   wurde   halbiert   und   die   Kinderhilfe gestrichen.    Und    nicht    zuletzt,    nachdem    man    bereits    an Ausbildung,   Krankenversorgung   und   Kinderbetreuung   massiv spart,    bettelte    der    staatliche    Rundfunk    seine    Zuhörer    um Spenden   an.   Den   Segen   dazu   bekommt   die   Regierung   von   der EU.   So   fordert   die   EU-Kommission   und   der   IWF,   den   Haushalt bis   zur   kleinsten   Gemeinde   hinab,   zu   sanieren.   Passiert   dies nicht,   so   gibt   es   kein   Geld.   Lösungen   werden   keine   geliefert. Auch     eine     Art     Kommunismus,     wo     das     Vermögen     einer Gesellschaft,    die    durch    eine    Regierung    vertreten    wird,    die Verluste   der   gierigen   Spekulanten   zu   bezahlen   hat.   Da   zeigt sich die Solidarität unter den EU-Mitgliedsstaaten. Ekaterina   hatte   Glück.   „In   einem   Monat   bin   ich   schuldenfrei.“ Doch   wenn   sie   heute   durch   die   Strassen   geht,   sieht   sie   sie wieder,    die    bettelnden    Rentner    auf    den    Märkten,    in    den Straßenunterführungen.      Sie      erkennt      sie      wieder,      die Intelligenzija,   welche   sich   mit   Taxifahren   einen   Nebenerwerb sichert.   Und   sie   bemerkt   es,   wenn   sie   zu   den   Behörden   muss, wenn     Bestechung     zu     schnelleren,     vor     allem     positiven Ergebnissen    führt.    „Einen    Kaffee    und    ein    Stück    Kuchen    in einem   der   schicken   Straßencafes,   kann   ich   mir   bei   den   Pariser Preisen   schon   lange   nicht   mehr   leisten.“   Lettland   steht   vor seiner    größten    Herausforderung    seit    1991.    Viele    Menschen haben   ihre   Hoffnung   noch   nicht   verloren.   „Zur   diesjährigen Europawahl     war     ich     zum     ersten     Mal     wählen“,     gesteht Ekaterina. Eurasisches Magazin 2009
Osteuropa - Baltikum - Lettland Osteuropa - Baltikum - Lettland

Lesermeinungen

»vielen Dank für ihre Hilfsbereitschaft… für die umfangreichen Infos…« (Wolfgang Mertin - TV Journalist / Autor und Regisseur) »Große Klasse… Nah dran, mitten drin…« (Peter Pfänder - Stellv. Chefredakteur Abenteuer und Reisen) »...ein echter Weltenbummler...« (Dresdner Morgenpost) »besten Dank für die schönen Fotos. Das sieht alles sehr gut aus…«  (Marius von der Forst - Textquartier Düsseldorf GmbH) mehr Meinungen