Vietnam - Reise Reportagen Südostasien
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Nicht     Missernten     sind     es,     die     weltweit     die     Nahrungsmittelpreise     in   schwindelerregende      Höhen      treiben.      Es      sind      die      Leute      vor      den Börsencomputern,    die    Glücksritter,    die    den    Ärmsten    das    Brot    so    sehr verteuern,    dass    sie    Hunger    leiden    müssen.    Sie    hungern,    damit    der Börsenspekulant reich wird. Satt ist der immer. Wenn    ich    Sonntags    diese    weiße,    klebrige Masse   aus   dem   Kochtopf      schöpfe,   mir   der Wasserdampf   in   die   Nase   steigt,   dann   denke ich   an   Hùng.   Dann   sehe   ich   ihn   und   eine   Horde älterer   Landarbeiter   in   den   Feldern   Vietnams stehen.    Ihr    hartes    Leben    hat    sich    als    tiefe Falten      in      ihre      Gesichter      eingegraben. Manchmal     waten     sie     den     gesamten     Tag knietief   im   Wasser.   Sie   hacken,   sie   graben,   sie pflanzen,    meist    in    gebückter    Haltung.    Sie treiben      ihren      Wasserbüffel      voran,      das Arbeitstier,   welches   sie   nur   dann   mit   der   Rute antreiben,   wenn   es   träge   wird.   Sie   lieben   ihn, den   oft   einzigen   Besitz.   Das   merkt   man,   wenn man   hört,   wie   sie   ihm   zureden,   wenn   sie   mit   der   Hand   über   seinen   Rücken   streifen.   Dazu bedarf es keiner Sprachkenntnisse. Es genügt, dem Tonfall der Reisbauern zu lauschen. Ähnlich   wie   der   Büffel   plagt   sich   Hùng,   während   er   dem   Vater   hilft.   Und   der   Vater   sagt   dann:   »Die   jungen   Leute   sind   diese   Knochenarbeit   nicht mehr   gewöhnt,   aber   essen   wollen   sie   auch.«   Dennoch   freut   er   sich, wenn    ihn    die    Söhne    aus    der    Stadt    besuchen    und    ihm    ein    paar Handgriffe abnehmen.

Weit weg im Supermarkt macht der Geiz geizig

Das   Leben   dieser   Menschen   ist   weit   weg   und   geht   uns   als   Bewohner   der westlichen    Welt    nichts    an,    wenn    wir    als    Konsumenten    durch    die Supermärkte    drängeln.    Immer    sind    wir    auf    der    Suche    nach    dem Schnäppchen.   Und   die   Werbeindustrie   macht   uns   dabei   noch   ein   gutes Gewissen,     Geiz     macht     gierig!     Doch     zurzeit     will     bei     unseren Shoppingtouren    nicht    so    rechte    Freudenstimmung    aufkommen.    Die Preise   für   Weizen,   Mais,   Milch,   Öle   und   Reis   sind   in   den   vergangenen anderthalb    Jahren*    ( Bezugszeitraum    2008,        laut    Ernährungs-    und Landwirtschaftsorganisation   der   Vereinten   Nationen )   in   dramatischem Maße   gestiegen.   Dies   wiederum   ist   für   Spekulanten   an   den   Börsen,   von äußerster   Wichtigkeit.   Kein   anderes   Thema   beschäftigt   sie   mehr.   Oft können    sie    zwischen    Immobilienkrise    und    Konsumentenmisstrauen nächtelang nicht ruhig ins Bett kriechen. Die     Agrarkurse     an der    Chicagoer    Board    of    Trade    sind kräftig   geklettert.   Was   für   ein   Festival gab   es   dort,   als   im   April   2008   der Reispreis     auf     den     Märkten     der haitianischen      Hauptstadt      Port-au- Prince   um   beinah   80   Prozent   anstieg. Diese   Sprünge   erleben   wir   sonst   nur bei    Öl    oder    New    Economy    Titeln. Genau   dort   traden   die   schlimmsten Profiteure.   Sie   verdienen   übermäßig viel       Geld       damit,       dass       die Nahrungsmittelpreise       anschwellen. Hier      lebt      der      Zynismus:      die Weltbörsen        verbrauchen        keine Nahrungsmittel,     aber     sie     sind     es, welche die Weltmarktpreise in die Höhe treiben.

Es gibt genug Reis für jedermann

Genau   dort   schlummert   die   Bosheit.   Obwohl   es   genügend   Reis   für   jeden   Menschen      gibt,      erhalten      viele      nicht      eine      Schüssel      dieses Grundnahrungsmittels.   Sie   können   sie   einfach   nicht   mehr   bezahlen. Hungeraufstände    sind    die    Folge.    Häufig    gibt    es    Tote    wie    bei    den jüngsten   Unruhen   in   Haiti*   (vergleiche   Tagesspiegel   10.   April   2008, Handelsblatt   13.   April   2008 ).   Dann   haben   die   Fernsehsender   etwas   zu berichten.    Etwas,    das    actionreicher    ist    als    die    Berichte    über    die alltäglich   verhungernden,   bettelnden   Kinder,   Frauen   und   Männer   überall in unserer Welt. Man    versucht    Ursachen    für    die    gestiegenen    Weltmarktpreise    für Grundnahrungsmittel       zu       finden.       So       nimmt       die       deutsche Welthungerhilfe*   ( Welthungerhilfe,   » Hunger   im   Überfluss «)    an,   dass   die erhöhte   Nachfrage   nach   Biosprit,   die   teuren   Energiepreise,   die   ersten Auswirkungen   des   Klimawandels   und   vermehrte   Dürren   schuld   seien. Doch   werden   nicht   auch   Nahrungsmittel   von   gewinnbewussten   Händlern in     Speichern     zurückgehalten?     Einzig     in     Vietnam,     neben     Thailand     der     größte Reisexporteur   der   Welt,   drohen   harte   Strafen   für   Reisprofiteure.   Dagegen   beschäftigt beispielsweise     Paraguay     das     Militär*     ( amnesty     -     Magazin     der     Menschenrechte , September    2008,    Herausgeber    Amnesty    International,    Schweizer    Sektion ),    um    die Menschen,   welche   ihre   Nahrung   nicht   bezahlen   können,   von   den   Ausgabestationen   fern zu   halten.   Offiziell   nennt   man   das   »Verhinderung   von   Plünderungen«.   Aber   tatsächlich werden   damit   in   erster   Linie   die   Spekulanten   geschützt,   die   darauf   wetten,   dass   sie   ihren gelagerten   Reis   mit   noch   mehr   Gewinn   verkaufen   können.   Tritt   dieser   Faktor   nicht   ein, vergammeln die Nahrungsmittel in den Silos.

Bauern, die nichts mehr verdienen, können auch nichts mehr kaufen

Obendrein       wird       nicht       nur       an       die Lebensmittelindustrie   verkauft.   Zahlt   diese   zu wenig,    wie    beispielsweise    beim    Mais,    so entschließt   man   sich   -   wie   beispielsweise   die USA*   ( EuropaBio’s   -   the   European   Association for       Bioindustries ) ,       diesen       nicht       an Nachbarländer,   sprich:      nach   Mexiko*   ( TAZ, Interview      mit      Herrn      Parnreiter,      »Die Kleinbauern   werden   verdrängt«   vom   16.   April 2008 )       zu      geben,      sondern      lieber      an Biosprithersteller        zu        verkaufen.        Wie skrupellos   aber   muss   ein   Mensch   sein,   der seinen   Nachbarn   verhungern   lässt,   bloß   weil sein   Auto   immer   mehr   Sprit   braucht,   da   er   zu faul   ist,   zum   nächsten   Supermarkt   200   Meter zu Fuß zu gehen. Der          Ratschlag          zur          landwirtschaftlichen   Flächenausdehnung    erscheint    da    beinah    zynisch. Denn   gerade   in   Südasien   ist   eine   Erweiterung   kaum noch   möglich.   Dort   werden   bereits   94   Prozent   der Anbauflächen     landwirtschaftlich     verwertet.     Eine Ausdehnung      ist      maximal      in      Russland      oder Lateinamerika   möglich.   Aber   das   reicht   nicht   aus, dazu   braucht   man   Bauern   und   diese   sind   nur   da, wenn   die   hohen   Preise   auch   bei   ihnen   ankommen. »Wenn   wir   Bauern   zu   wenig   verdienen«,   sagte   mir Hùngs   Vater   vor   drei   Jahren   (2005),   »dann   sind   wir auch   keine   Konsumenten   mehr.   Wir   werden   nichts mehr   kaufen,   weil   wir   ganz   einfach   kein   Geld   mehr haben.    Um    das    zu    begreifen,    brauche    ich    kein Studium der Volkswirtschaften.« Veröffentlicht: Eurasisches Magazin, Mai 2008

Vom Zynismus des Hungers

Gedanken zwischen Reis und Sprit

»ăn no, lo dược« »Nur, wer genug gegessen hat, hat Kraft zum Arbeiten«  Vietnamesische Weisheit

“Vietnam”

Reportagen aus dem Land der Drachen und Feen zum Buch
Vietnam Reise Reportagen Buch Jan Balster Drachen Feen backpacking Vietnam, Asien, Südostasien, Strom, Reisfelder, Reis Vietnam, Asien, Südostasien, Reisfelder, Reis Vietnam, Asien, Südostasien, Reisfelder, Reis, Reisbauer, Bauer Vietnam, Asien, Südostasien, Reisfelder, Reis
Vietnam - Reise Reportagen Südostasien
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Nicht     Missernten     sind     es,     die     weltweit     die Nahrungsmittelpreise       in        schwindelerregende Höhen     treiben.     Es     sind     die     Leute     vor     den Börsencomputern,     die     Glücksritter,     die     den Ärmsten    das    Brot    so    sehr    verteuern,    dass    sie Hunger      leiden      müssen.      Sie      hungern,      damit      der Börsenspekulant reich wird. Satt ist der immer. Wenn    ich    Sonntags    diese weiße,   klebrige   Masse   aus dem    Kochtopf        schöpfe, mir    der    Wasserdampf    in die      Nase      steigt,      dann denke   ich   an   Hùng.   Dann sehe     ich     ihn     und     eine Horde   älterer   Landarbeiter in    den    Feldern    Vietnams stehen.    Ihr    hartes    Leben hat   sich   als   tiefe   Falten   in ihre                      Gesichter eingegraben.        Manchmal waten    sie    den    gesamten Tag   knietief   im   Wasser.   Sie hacken,   sie   graben,   sie   pflanzen,   meist   in   gebückter   Haltung.   Sie   treiben   ihren Wasserbüffel   voran,   das   Arbeitstier,   welches   sie   nur   dann   mit   der   Rute   antreiben, wenn   es   träge   wird.   Sie   lieben   ihn,   den   oft   einzigen   Besitz.   Das   merkt   man,   wenn man   hört,   wie   sie   ihm   zureden,   wenn   sie   mit   der   Hand   über   seinen   Rücken   streifen. Dazu   bedarf   es   keiner   Sprachkenntnisse.   Es   genügt,   dem   Tonfall   der   Reisbauern   zu lauschen. Ähnlich     wie     der     Büffel     plagt     sich     Hùng, während   er   dem   Vater   hilft.   Und    der   Vater   sagt dann:      »Die      jungen      Leute      sind      diese Knochenarbeit   nicht   mehr   gewöhnt,   aber   essen wollen   sie   auch.«   Dennoch   freut   er   sich,   wenn ihn   die   Söhne   aus   der   Stadt   besuchen   und   ihm ein paar Handgriffe abnehmen.

Weit weg im Supermarkt macht der

Geiz geizig

Das   Leben   dieser   Menschen   ist   weit   weg   und geht    uns    als    Bewohner    der    westlichen    Welt nichts   an,   wenn   wir   als   Konsumenten   durch   die Supermärkte   drängeln.   Immer   sind   wir   auf   der Suche     nach     dem     Schnäppchen.     Und     die Werbeindustrie    macht    uns    dabei    noch    ein gutes    Gewissen,    Geiz    macht    gierig!    Doch zurzeit   will   bei   unseren   Shoppingtouren   nicht so   rechte   Freudenstimmung   aufkommen.   Die Preise   für   Weizen,   Mais,   Milch,   Öle   und   Reis sind   in   den   vergangenen   anderthalb   Jahren* ( Bezugszeitraum   2008,      laut   Ernährungs-   und Landwirtschaftsorganisation    der    Vereinten    Nationen )    in    dramatischem    Maße gestiegen.    Dies    wiederum    ist    für    Spekulanten    an    den    Börsen,    von    äußerster Wichtigkeit.   Kein   anderes   Thema   beschäftigt   sie   mehr.   Oft   können   sie   zwischen Immobilienkrise    und    Konsumentenmisstrauen    nächtelang    nicht    ruhig    ins    Bett kriechen. Die       Agrarkurse an   der   Chicagoer Board     of     Trade sind            kräftig geklettert.      Was für     ein     Festival gab    es    dort,    als im   April   2008   der Reispreis   auf   den Märkten           der   Hauptstadt    Port- au-Prince         um beinah              80 Prozent   anstieg.   Diese   Sprünge   erleben   wir   sonst   nur   bei   Öl   oder   New   Economy Titeln.   Genau   dort   traden   die   schlimmsten   Profiteure.   Sie   verdienen   übermäßig   viel Geld   damit,   dass   die   Nahrungsmittelpreise   anschwellen.   Hier   lebt   der   Zynismus:   die Weltbörsen    verbrauchen    keine    Nahrungsmittel,    aber    sie    sind    es,    welche    die Weltmarktpreise in die Höhe treiben.

Es gibt genug Reis für jedermann

Genau   dort   schlummert   die   Bosheit.   Obwohl es   genügend   Reis   für   jeden    Menschen   gibt, erhalten    viele    nicht    eine    Schüssel    dieses Grundnahrungsmittels.   Sie   können   sie   einfach nicht   mehr   bezahlen.   Hungeraufstände   sind die   Folge.   Häufig   gibt   es   Tote   wie   bei   den jüngsten     Unruhen     in     Haiti*     (vergleiche Tagesspiegel   10.   April   2008,   Handelsblatt   13. April   2008 ).   Dann   haben   die   Fernsehsender etwas   zu   berichten.   Etwas,   das   actionreicher ist     als     die     Berichte     über     die     alltäglich verhungernden,    bettelnden    Kinder,    Frauen und Männer überall in unserer Welt. Man       versucht       Ursachen       für       die       gestiegenen       Weltmarktpreise       für Grundnahrungsmittel     zu     finden.     So     nimmt     die     deutsche     Welthungerhilfe* ( Welthungerhilfe,   » Hunger   im   Überfluss «)    an,   dass   die   erhöhte   Nachfrage   nach Biosprit,   die   teuren   Energiepreise,   die   ersten   Auswirkungen   des   Klimawandels   und vermehrte    Dürren    schuld    seien.    Doch    werden    nicht    auch    Nahrungsmittel    von gewinnbewussten   Händlern   in   Speichern   zurückgehalten?   Einzig   in   Vietnam,   neben Thailand     der     größte     Reisexporteur     der     Welt,     drohen     harte     Strafen     für Reisprofiteure.   Dagegen   beschäftigt   beispielsweise   Paraguay   das   Militär*   ( amnesty -     Magazin     der     Menschenrechte ,     September     2008,     Herausgeber     Amnesty International,   Schweizer   Sektion ),   um   die   Menschen,   welche   ihre   Nahrung   nicht bezahlen   können,   von   den   Ausgabestationen   fern   zu   halten.   Offiziell   nennt   man   das »Verhinderung   von   Plünderungen«.   Aber   tatsächlich   werden   damit   in   erster   Linie die   Spekulanten   geschützt,   die   darauf   wetten,   dass   sie   ihren   gelagerten   Reis   mit noch   mehr   Gewinn   verkaufen   können.   Tritt   dieser   Faktor   nicht   ein,   vergammeln   die Nahrungsmittel in den Silos.

Bauern, die nichts mehr verdienen, können auch nichts mehr

kaufen

Obendrein   wird   nicht   nur an                                die   verkauft.    Zahlt    diese    zu wenig,   wie   beispielsweise beim   Mais,   so   entschließt man        sich        -        wie beispielsweise    die    USA* ( EuropaBio’s         -         the European    Association    for Bioindustries ) ,         diesen nicht    an    Nachbarländer, sprich:          nach     Mexiko* ( TAZ,   Interview   mit   Herrn Parnreiter,                    »Die Kleinbauern   werden   verdrängt«   vom   16.   April   2008 )    zu   geben,   sondern   lieber   an Biosprithersteller   zu   verkaufen.   Wie   skrupellos   aber   muss   ein   Mensch   sein,   der seinen   Nachbarn   verhungern   lässt,   bloß   weil   sein   Auto   immer   mehr   Sprit   braucht, da er zu faul ist, zum nächsten Supermarkt 200 Meter zu Fuß zu gehen. Der        Ratschlag        zur n   ä    erscheint       da       beinah zynisch.   Denn   gerade   in Südasien         ist         eine Erweiterung    kaum    noch möglich.     Dort     werden bereits    94    Prozent    der A   n   b   a   u   f   l   ä   c   h   e   n       verwertet.                 Eine Ausdehnung   ist   maximal in         Russland         oder Lateinamerika        möglich. Aber   das   reicht   nicht   aus,   dazu   braucht   man   Bauern   und   diese   sind   nur   da,   wenn die    hohen    Preise    auch    bei    ihnen    ankommen.    »Wenn    wir    Bauern    zu    wenig verdienen«,   sagte   mir   Hùngs   Vater   vor   drei   Jahren   (2005),   »dann   sind   wir   auch keine   Konsumenten   mehr.   Wir   werden   nichts   mehr   kaufen,   weil   wir   ganz   einfach kein    Geld    mehr    haben.    Um    das    zu    begreifen,    brauche    ich    kein    Studium    der Volkswirtschaften.« Veröffentlicht: Eurasisches Magazin, Mai 2008
»ăn no, lo dược« »Nur, wer genug gegessen hat, hat Kraft zum Arbeiten«  Vietnamesische Weisheit

“Vietnam”

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Vom Zynismus des Hungers

Gedanken zwischen Reis und Sprit

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Nicht       Missernten       sind       es,       die       weltweit       die Nahrungsmittelpreise   in    schwindelerregende   Höhen   treiben. Es   sind   die   Leute   vor   den   Börsencomputern,   die   Glücksritter, die   den   Ärmsten   das   Brot   so   sehr   verteuern,   dass   sie   Hunger leiden   müssen.   Sie   hungern,   damit   der Börsenspekulant   reich wird. Satt ist der immer. Wenn   ich   Sonntags   diese   weiße,   klebrige   Masse   aus   dem Kochtopf      schöpfe,   mir   der   Wasserdampf   in   die   Nase   steigt, dann   denke   ich   an   Hùng.   Dann   sehe   ich   ihn   und   eine   Horde älterer    Landarbeiter    in    den    Feldern    Vietnams    stehen.    Ihr hartes    Leben    hat    sich    als    tiefe    Falten    in    ihre    Gesichter eingegraben.   Manchmal   waten   sie   den   gesamten   Tag   knietief im   Wasser.   Sie   hacken,   sie   graben,   sie   pflanzen,   meist   in gebückter   Haltung.   Sie   treiben   ihren   Wasserbüffel   voran,   das Arbeitstier,   welches   sie   nur   dann   mit   der   Rute   antreiben, wenn   es   träge   wird.   Sie   lieben   ihn,   den   oft   einzigen   Besitz. Das    merkt    man,    wenn man    hört,    wie    sie    ihm zureden,    wenn    sie    mit der    Hand    über    seinen Rücken     streifen.     Dazu bedarf         es         keiner Sprachkenntnisse.        Es genügt,   dem   Tonfall   der Reisbauern zu lauschen. Ähnlich    wie    der    Büffel plagt         sich         Hùng, während    er    dem    Vater hilft.   Und    der   Vater   sagt dann:   »Die   jungen   Leute sind   diese   Knochenarbeit nicht      mehr      gewöhnt, aber    essen    wollen    sie auch.«   Dennoch   freut   er sich,   wenn   ihn   die   Söhne aus   der   Stadt   besuchen und      ihm      ein      paar Handgriffe abnehmen.

Weit weg im Supermarkt macht der

Geiz geizig

Das   Leben   dieser   Menschen   ist   weit   weg   und   geht   uns   als Bewohner    der    westlichen    Welt    nichts    an,    wenn    wir    als Konsumenten   durch   die   Supermärkte   drängeln.   Immer   sind wir    auf    der    Suche    nach    dem    Schnäppchen.    Und    die Werbeindustrie   macht   uns   dabei   noch   ein   gutes   Gewissen, Geiz     macht     gierig!     Doch     zurzeit     will     bei     unseren Shoppingtouren       nicht       so       rechte       Freudenstimmung aufkommen.   Die   Preise   für   Weizen,   Mais,   Milch,   Öle   und   Reis sind   in   den   vergangenen   anderthalb   Jahren*   ( Bezugszeitraum 2008,      laut   Ernährungs-   und   Landwirtschaftsorganisation   der Vereinten   Nationen )   in   dramatischem   Maße   gestiegen.   Dies wiederum   ist   für   Spekulanten   an   den   Börsen,   von   äußerster Wichtigkeit.   Kein   anderes   Thema   beschäftigt   sie   mehr.   Oft können          sie          zwischen          Immobilienkrise          und Konsumentenmisstrauen    nächtelang    nicht    ruhig    ins    Bett kriechen. Die   Agrarkurse   an   der   Chicagoer   Board   of   Trade   sind   kräftig geklettert.   Was   für   ein   Festival   gab   es   dort,   als   im   April   2008 der   Reispreis   auf   den   Märkten   der   haitianischen   Hauptstadt Port-au-Prince   um   beinah   80   Prozent   anstieg.   Diese   Sprünge erleben   wir   sonst   nur   bei   Öl   oder   New   Economy   Titeln.   Genau dort     traden     die     schlimmsten     Profiteure.     Sie     verdienen übermäßig   viel   Geld   damit,   dass   die   Nahrungsmittelpreise anschwellen.     Hier     lebt     der     Zynismus:     die     Weltbörsen verbrauchen   keine   Nahrungsmittel,   aber   sie   sind   es,   welche die Weltmarktpreise in die Höhe treiben.

Es gibt genug Reis für jedermann

Genau    dort    schlummert die    Bosheit.    Obwohl    es genügend   Reis   für   jeden   Menschen   gibt,   erhalten viele   nicht   eine   Schüssel d       i       e       s       e       s         Sie    können    sie    einfach nicht     mehr     bezahlen. Hungeraufstände       sind die   Folge.   Häufig   gibt   es Tote       wie       bei       den jüngsten      Unruhen      in Haiti*             (vergleiche Tagesspiegel     10.     April 2008,     Handelsblatt     13. April    2008 ).    Dann    haben    die    Fernsehsender    etwas    zu berichten.   Etwas,   das   actionreicher   ist   als   die   Berichte   über die   alltäglich   verhungernden,   bettelnden   Kinder,   Frauen   und Männer überall in unserer Welt. Man   versucht   Ursachen   für   die   gestiegenen   Weltmarktpreise für   Grundnahrungsmittel   zu   finden.   So   nimmt   die   deutsche Welthungerhilfe*   ( Welthungerhilfe,   » Hunger   im   Überfluss «)   an,    dass    die    erhöhte    Nachfrage    nach    Biosprit,    die    teuren Energiepreise,    die    ersten    Auswirkungen    des    Klimawandels und   vermehrte   Dürren   schuld   seien.   Doch   werden   nicht   auch Nahrungsmittel   von   gewinnbewussten   Händlern   in   Speichern zurückgehalten?    Einzig    in    Vietnam,    neben    Thailand    der größte    Reisexporteur    der    Welt,    drohen    harte    Strafen    für Reisprofiteure.   Dagegen   beschäftigt   beispielsweise   Paraguay das     Militär*     ( amnesty     -     Magazin     der     Menschenrechte , September     2008,     Herausgeber     Amnesty     International, Schweizer   Sektion ),   um   die   Menschen,   welche   ihre   Nahrung nicht   bezahlen   können,   von   den   Ausgabestationen   fern   zu halten.     Offiziell     nennt     man     das     »Verhinderung     von Plünderungen«.   Aber   tatsächlich   werden   damit   in   erster   Linie die   Spekulanten   geschützt,   die   darauf   wetten,   dass   sie   ihren gelagerten   Reis   mit   noch   mehr   Gewinn   verkaufen   können. Tritt   dieser   Faktor   nicht   ein,   vergammeln   die   Nahrungsmittel in den Silos.

Bauern, die nichts mehr verdienen,

können auch nichts mehr kaufen

Obendrein    wird    nicht    nur    an    die    Lebensmittelindustrie verkauft.   Zahlt   diese   zu   wenig,   wie   beispielsweise   beim   Mais, so    entschließt    man    sich    -    wie    beispielsweise    die    USA* ( EuropaBio’s   -   the   European   Association   for   Bioindustries ) , diesen   nicht   an   Nachbarländer,   sprich:      nach   Mexiko*   ( TAZ, Interview    mit    Herrn    Parnreiter,    »Die    Kleinbauern    werden verdrängt«   vom   16.   April   2008 )    zu   geben,   sondern   lieber   an Biosprithersteller   zu   verkaufen.   Wie   skrupellos   aber   muss   ein Mensch   sein,   der   seinen   Nachbarn   verhungern   lässt,   bloß   weil sein   Auto   immer   mehr   Sprit   braucht,   da   er   zu   faul   ist,   zum nächsten Supermarkt 200 Meter zu Fuß zu gehen. Der    Ratschlag    zur    landwirtschaftlichen     Flächenausdehnung erscheint   da   beinah   zynisch.   Denn   gerade   in   Südasien   ist   eine Erweiterung    kaum    noch    möglich.    Dort    werden    bereits    94 Prozent   der   Anbauflächen   landwirtschaftlich   verwertet.   Eine Ausdehnung    ist    maximal    in    Russland    oder    Lateinamerika möglich.   Aber   das   reicht   nicht   aus,   dazu   braucht   man   Bauern und   diese   sind   nur   da,   wenn   die   hohen   Preise   auch   bei   ihnen ankommen.   »Wenn   wir   Bauern   zu   wenig   verdienen«,   sagte mir   Hùngs   Vater   vor   drei   Jahren   (2005),   »dann   sind   wir   auch keine   Konsumenten   mehr.   Wir   werden   nichts   mehr   kaufen, weil   wir   ganz   einfach   kein   Geld   mehr   haben.   Um   das   zu begreifen, brauche ich kein Studium der Volkswirtschaften.« Veröffentlicht: Eurasisches Magazin, Mai 2008
»ăn no, lo dược« »Nur, wer genug gegessen hat, hat Kraft zum Arbeiten«  Vietnamesische Weisheit

“Vietnam”

Reportagen aus dem Land der Drachen und Feen zum Buch
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Vom Zynismus

des Hungers

Gedanken zwischen Reis und Sprit