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Der rote Held schwitzt Ulaanbaatar (Mongolei) - ein Gespräch zwischen Süchbaatarplatz und Kinderpark |
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Wie sich die nomadische Mongolei zu einem konsumorientierten Land verändert hat, in dem westliche Lebensart mehr zählen als die alten Tugenden. Und warum daran auch der Kult um Dschingis Khan nichts ändert.
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Tschingis Khan Straße im Jahr 2000 |
Tschingis Khan Strasse im Jahr 2007 |
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Hübsch im Tal liegt sie, die Stadt, die Hauptstadt der Mongolei, Ulaanbaatar, der „Rote Held“ wie die deutsche Übersetzung lautet. Gemächlichkeit und Freude strahlt sie aus, wie die Einwohner ihre Gastfreundlichkeit zeigen. Angenehm schwingt das Gemüt, wenn man durch die Straßen flaniert, zwischen Bäumen, welche die Frische am Boden halten. Von jedem Punkt der Stadt erblickt man die Berge, ein Hindernis, was es zu überwinden gilt, will man eintreten in den Stolz, das Paradies der Mongolen. Die Stadt ist mongolisch geprägt, mit russischen und chinesischen Einflüssen verziert, dessen Zentrum der Süchbaatarplatz ist. Ein müßiger Gang, die Menschen begrüßen einander, plaudern ein wenig und verabschieden sich wie alte Freunde. Eine frische Prise weht, als würde man am Meer leben, in die lächelnden Gesichter, um die zum Mai beginnende Hitze zu ertragen. Der Staub der kurzen Trockenperiode nach dem Frost des Winters ist beinah verschwunden. Schon zeigt sich das erste Grün an den Straßenrändern. Im Kinderpark, einen Steinwurf vom zentralen Platz entfernt, blüht die städtische Idylle. Sie lädt zum Picknicken ein. Ulanbaatar ist eine grüne und stressfreie Stadt. Und genau danach steht mir der Sinn, als ich im Juni 2007 wieder einreise. Der erste Anruf gilt meinem alten Freund Aza. Sieben Jahre haben wir uns nicht gesehen, Jahre in denen sich Ulanbaatar, gar das gesamte Land verändert hat. Es ist auch eine Zeit, in welcher sich die Menschen wandelten. Die einen interessieren sich mehr für Politik und Religion als jemals zuvor, die anderen haben sich von beidem vollkommen verabschiedet. Die einen versprechen sich Glück von der neuen Zeit, während die anderen nun gar nichts mehr erwarten. Das zwischenmenschliche Klima ist rauer geworden.
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„Dschingis Khan ist der neue Held der Mongolei“ Noch immer ist der Süchbaatarplatz das Zentrum der Stadt, noch immer strebt das Reiterstandbild des einstigen Helden der Mongolei, Damdiny Süchbaataar, welchem die Stadt ihren heutigen Namen verdankt, zum Himmel empor. Doch das ist alles, was von ihm geblieben ist. Der „graue Palast“, wie das Regierungsgebäude im Volksmund heißt, ist verschwunden. Abgerissen wurde er nicht, stattdessen errichteten die neuen Herrschenden davor ein Dschingis Khan (1162 – 1227 oder 1228) Memorial, globiger und protziger als die mongolische Variante des Lenin Mausoleums, welches jetzt eingemauert in Erscheinung tritt. |
Kultverlagerung in Ulan Bator (2000) |
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Kinderpark Ulan Bator im Jahr 2000 |
Figuren aus Kinderbüchern und -filmen (2007) |
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Seltsame Kultblüten: Hitlers „Mein Kampf“ in mongolischer Übersetzung Der Ruf nach einem Führer, einem Retter der Nation wurde laut. Erneut wurde das Dschingis Khan Fieber von oben herab entflammt. Da reichte es nicht, dass der beste Wodka der Mongolei jetzt den Namen Dschingis Khan trägt. Nein, Rockbands besangen den großen Feldherren in den höchsten Allüren, sie entschuldigten sich mit ihren Texten für die 70jährige Fehlentwicklung in ihrem Land. T-Shirts, hergestellt in der Inneren Mongolei (China), wurden mit seinem Konterfei bedruckt unter die Menschen gebracht. Selbst sein Grab suchte man unter immensem finanziellem Aufwand. Gefunden wurde es nie. Immer weiter steuerte der Staat den Schrei nach einem Führer. „Das übrige besorgte ein bis dahin verbotenes Buch“, berichtet Aza: „genau vor den Wahlen 2000 erschien Hitlers ,Mein Kampf’ in mongolischer Übersetzung.“ Was ist aus den Träumen der Mongolen geworden?
Hecktisch spaziert Aza mit mir im Schlepptau über den Süchbaatarplatz, als könnte er etwas verpassen. Ab und an bleibt er abrupt stehen, weist mit seiner Hand auf ein Dach, dort wo einst die Worte „mir, Frieden und paix“ zu lesen waren. „Frieden. Brauchen wir nicht mehr“, kommentiert er zynisch. Mal zeigt Aza auf den Fußgängerüberweg, den es vor 15 Jahren noch nicht gab. „Brauchten wir nicht“, gähnt er: „bei 200 Privatautos. So viele Fahrzeuge werden heute an einem Tag in Ulaanbaatar zugelassen.“ Dann weist er auf die Menschen. Genau hier gab es 1991 die ersten freien Unternehmer. Der Sinn auf den Platz zu kommen, hat sich geändert, jetzt gilt es Geld zu verdienen. Fotografen buhlen um die Gunst der Leute. Ab und an ein Portrait und wieder ein Familienfoto vor dem Reitermonument Süchbaataars. Obst, Gemüse und immer wieder Schnittblumen versuchen die Händler, unter das Volk zu bringen. Die Zeiten, als die lockere Unterhaltung mit dem Nachbarn noch im Vordergrund stand, sind vorbei. Der Platz ist das Zentrum der Stadt geblieben. „Sehen und gesehen werden, heißt das heute“, sagt Aza, während ein Skateboardfahrer zwischen uns hindurchrauscht. „Das heißt auch, dass hier anderer Pomp als früher dominiert. Zwischen Weihnachten und Neujahr entsteht auf dem Platz neuerdings eine Stadt aus Eis, Reiter, Festungen, ganze Szenerien. Viel zu teuer für einen Staat, in dem die Armut überproportional wächst.“
Den Kleinunternehmern folgten die Bänker und Börsenmakler. Sie scheinen weltweit vernetzt, protzen mit Edellimousinen, welche einem Nomaden seine gesamte Herde kosten würde. Die neuen Reichen siedeln heute in ihrem Traum vom eigenen Landhaus vor den Toren der Stadt. Dorthin, wo es noch nach Steppe riecht. Und sie waren es auch, die ausländische Investoren ins Land zogen. Damit wurde der dritte Generalbebauungsplan für Ulaanbaatar ins Leben gerufen. „Derer hatten wir schon einige“, beginnt Aza: „den Ersten entwarf eine mongolisch-russische Planungskommission 1954. Gleich darauf folgte der mongolisch-chinesische Plan.“ „Wie die Gebäude dort drüben“, frage ich. „Ja. In so einem Komplex habe ich auch mal mit meinen Eltern gewohnt. Komfortable sind sie angelegt, nur im Winter frieren ständig die Leitungen ein. Da hatten wir oft Minusgrade in der Wohnung. Heute lebe ich zwar in einem modernen Wohnblock, aber die Leitungen frieren auch dort regelmäßig ein.“ „Dafür sind sie aber hübscher angestrichen, freundlicher.“
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Süchbaatarplatz im Jahr 2010 |
Süchbaatarplatz im Jahr 2000 |
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Kinderpark Ulan Bator im Jahr 2000
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Kinderpark Ulan Bator im Jahr 2007
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